Ein vollständiges Energiemanagementsystem nach ISO 50001 aufzubauen, ist für viele kleinere und mittlere Unternehmen ein großer Schritt – gerade dann, wenn weder Erfahrung mit Managementsystemen noch freie Personalkapazität vorhanden ist. Genau an dieser Stelle setzt die ISO 50005 an. Sie zerlegt den Weg zum Energiemanagement in überschaubare Stufen und erlaubt es, mit begrenzten Ressourcen dort zu beginnen, wo der Nutzen am größten ist. Wie dieses stufenweise Vorgehen im Detail funktioniert, zeigt ein Blick auf das Reifegradmodell, das im Kern der Norm steht.
ISO 50005:2021
„Energiemanagementsysteme – Leitfaden für eine phasenweise Umsetzung“ (englischer Originaltitel: Energy management systems – Guidelines for a phased implementation). Die Norm ist ein Leitfaden und ausdrücklich nicht zertifizierbar. Sie ist konsistent mit der ISO 50001:2018, deckt aber nicht alle deren Anforderungen ab. Ihr Ziel ist es, insbesondere kleinen und mittleren Organisationen einen niedrigschwelligen, schrittweisen Einstieg in ein Energiemanagementsystem (EnMS) zu ermöglichen.
Zwölf Elemente, vier Reifegrade
Das Modell der ISO 50005 beruht auf zwölf Kernelementen, die sich inhaltlich an den Abschnitten der ISO 50001:2018 orientieren, jedoch vereinfacht sind. Für jedes dieser Elemente beschreibt die Norm vier aufeinander aufbauende Reifegrade. Ein Unternehmen bestimmt zunächst seinen Ist-Zustand je Element und wählt dann das Niveau, das es als Nächstes erreichen möchte. Der entscheidende Gedanke dabei ist, dass nicht jedes Element sofort die höchste Stufe erreichen muss – die Reife darf je nach Bedeutung und Aufwand unterschiedlich ausfallen.
Die vier Reifegrade markieren einen wachsenden Umsetzungsstand, der von ersten, noch unsystematischen Ansätzen bis nahe an die Anforderungen der ISO 50001 reicht.
Reifegrad 1 – Energiemanagement ermöglichen
Eine erste Unterstützung durch die Leitung ist vorhanden, ein grundlegendes Bewusstsein für den Energieeinsatz entsteht und erste Energiedaten werden zusammengetragen, etwa aus vorhandenen Energierechnungen. Systematische Praktiken gibt es auf dieser Stufe noch nicht; sie schafft die Grundlage, auf der alles Weitere aufbaut.
Reifegrad 2 – Energiemanagement ausbauen
Eine Energiepolitik ist formuliert, ein verantwortliches Team benannt. Verbrauchs- und Kostendaten werden grundlegend analysiert, erste Einsparpotenziale werden bewertet. Einzelne systematische Praktiken setzen sich durch, ohne dass bereits ein durchgängiges System besteht.
Reifegrad 3 – EnMS entsteht
Die Praktiken werden systematisch, das Energiemanagement gewinnt strategische Bedeutung. Überwachung und Bewertung verbessern sich, die Einhaltung rechtlicher Vorgaben wird fester Bestandteil des Systems, und die Organisation beginnt, aus ihren Daten zu lernen und nachzusteuern.
Reifegrad 4 – EnMS etabliert
Das System verbessert sich kontinuierlich, die Kernelemente der ISO 50001 sind umgesetzt. Auf dieser Stufe ist die Organisation so weit, dass eine Gap-Analyse gegen die ISO 50001 sinnvoll wird – mit einigen Ergänzungen und Anpassungen lässt sich von hier aus die Konformität zur zertifizierbaren Norm erreichen.
Im Anhang B der Norm sind die Voraussetzungen für das Erreichen der Stufen eins bis vier für jedes Kernelement detailliert aufgelistet. Dieses Reifegradmodell erlaubt es, den eigenen Ist-Zustand zu bestimmen, Verbesserungspotenziale zu erkennen und erste Ziele festzulegen.
Die zwölf Kernelemente im Überblick
Die zwölf Elemente spannen den gesamten Bogen eines Energiemanagementsystems auf – von der grundlegenden Verankerung in der Organisation über die energetische Bewertung bis zur Überprüfung und Verbesserung. Sie lassen sich grob in einen Bereich der Führung und Planung und einen Bereich des Betriebs und der Verbesserung gliedern.
Führung & Planung
Den Rahmen setzen
- Kontext der Organisation
- Führung und Verpflichtung der Leitung
- Ressourcen
- Energiepolitik
- Rollen, Verantwortlichkeiten und Befugnisse
- Energetische Bewertung
Betrieb & Verbesserung
Wirksam werden
- Ziele und Maßnahmenplanung
- Kompetenz und Bewusstsein
- Betrieb und Beschaffung
- Überwachung und Messung der energiebezogenen Leistung
- Bewertung der Einhaltung von Verpflichtungen
- Überprüfung und kontinuierliche Verbesserung
Die genaue Bezeichnung und Zuordnung der Elemente ergibt sich aus den Tabellen der Norm; entscheidend für die Praxis ist, dass sich der Reifegrad je Element unterschiedlich entwickeln darf. Ein Unternehmen kann etwa bei der energetischen Bewertung bereits weit fortgeschritten sein, während die formale Energiepolitik noch am Anfang steht.
Wie ein stufenweises Vorgehen praktisch aussieht
Der erste Schritt ist immer die Bestimmung des Ist-Zustands: In welchem Reifegrad befindet sich das Unternehmen je Element? Aus dieser Standortbestimmung ergibt sich, wo sinnvoll begonnen wird. Die Norm empfiehlt, dort anzusetzen, wo das größte Verbesserungspotenzial besteht und wo sich die energiebezogene Leistung einfach oder kostengünstig verbessern lässt. Es ist ausdrücklich zulässig, sich zunächst nur auf einzelne Elemente oder Teilthemen zu konzentrieren, statt das gesamte System auf einmal aufzubauen.
Werden im Laufe der Zeit alle Elemente, Themen und Kriterien bis zur höchsten Stufe umgesetzt, lässt sich daraus mit einigen Ergänzungen die Konformität zur ISO 50001 herstellen. Die ISO 50005 ist damit kein Gegenentwurf zur zertifizierbaren Norm, sondern ein geordneter Weg dorthin – oder ein bewusst gewählter Endpunkt für Unternehmen, die ein wirksames Energiemanagement betreiben möchten, ohne eine Zertifizierung anzustreben.
Zum Mitnehmen
Die ISO 50005 macht den Aufbau eines Energiemanagementsystems planbar, weil sie ihn in zwölf Elemente und vier Reifegrade zerlegt. Unternehmen müssen nicht alles auf einmal leisten, sondern können dort beginnen, wo der Nutzen am größten und der Aufwand am geringsten ist – und sich von dort schrittweise bis zur ISO-50001-Konformität entwickeln, sofern sie das anstreben.
Häufige Fragen
Kann man sich nach ISO 50005 zertifizieren lassen?
Nein. Die ISO 50005 ist ein Leitfaden für die phasenweise Umsetzung und ausdrücklich nicht zertifizierbar. Sie führt ein Unternehmen jedoch so weit an die ISO 50001 heran, dass von der höchsten Reifestufe aus mit einigen Ergänzungen die Konformität zur zertifizierbaren ISO 50001 erreicht werden kann.
Worin unterscheidet sich die ISO 50005 von der ISO 50001?
Die ISO 50001:2018 ist die zertifizierbare Anforderungsnorm für ein vollständiges Energiemanagementsystem. Die ISO 50005:2021 ist ein damit konsistenter Leitfaden, der denselben Gegenstand in zwölf Elemente und vier Reifegrade zerlegt und so einen schrittweisen Einstieg erlaubt. Sie deckt nicht alle Anforderungen der ISO 50001 ab, bereitet deren Erfüllung aber strukturiert vor.
Muss jedes Element denselben Reifegrad erreichen?
Nein. Der Reifegrad darf je Element unterschiedlich ausfallen. Ein Unternehmen kann bei einem Element bereits eine hohe Stufe erreicht haben, während ein anderes noch am Anfang steht. Die Norm empfiehlt, dort mit der Weiterentwicklung zu beginnen, wo das größte Verbesserungspotenzial bei geringem Aufwand besteht.
Für wen eignet sich der Einstieg über die ISO 50005?
Die Norm richtet sich besonders an kleine und mittlere Organisationen sowie an Einrichtungen, die ein Energiemanagement mit begrenzten Ressourcen und in eigenem Tempo aufbauen möchten. Welcher Weg – Energieaudit, Stufeneinstieg nach ISO 50005 oder direkt das zertifizierte System nach ISO 50001 – im Einzelfall passt, ordnen wir in unserer Energiemanagement-Beratung ein.















